Geschwisterliebe

Da sitzt sie, unsere bald Vierjährige, das Baby im Arm und ein Lächeln im Gesicht. Sanft schaukelt sie hin und her, spricht beruhigende Worte, lächelt, singt ... und das vorher noch unruhige Baby ist plötzlich ganz ruhig. Blickt der großen Schwester in die Augen und beginnt ebenfalls zu lächeln. 
Es war einer dieser Tage, wo die Zeit schneller vergeht als einem lieb ist. Wo sich die zu erledigenden Arbeiten immer höher türmen und alles einfach nur drunter und drüber geht. Die Großen mit dem Papa unterwegs, die Kleinen bei mir, das Essen am Herd, die nasse Wäsche in der Waschmaschine und die Trockene noch nicht annähernd zusammen gelegt, das Baby unruhig und das Tragetuch nicht griffbereit. Und so, als hätte sie nie etwas anderes getan, nimmt die Vierjährige plötzlich ihre kleine Schwester in den Arm und beruhigt sie. Einfach so. Ganz selbstverständlich. So, als hätte sie nie etwas anderes getan und so, als wäre es das Natürlichste überhaupt. Ist es auch. Eigentlich. Wenn wir nicht verhindern, sondern zutrauen und vertrauen. 

Verhindern, misstrauen, maßregeln
Wenn ich etwas gelernt habe, in den Monaten nach der Geburt unseres Zweiten, dann vor allem eines: ...

Wichtige Begegnungen

... mit dem eigenen kleinen ICH!
Oder, anders gesagt, mit all den Themen, die wir seit unserer Kindheit mit uns herumschleppen und die wir gelernt haben zu ignorieren. Weitestgehend. Nichts leichter als das, eigentlich. Zumindest im Umgang mit Erwachsenen und in einer Gesellschaft in der Missachtung größer geschrieben wird als Achtsamkeit, in der wir relativ früh lernen unsere Gefühle anzupassen oder schlimmer noch zu unterdrücken und in der es besser ist in irgendeine bestimmte Schublade zu passen, als unangepasst zu sein und den eigenen Weg zu gehen.
Im Laufe der Zeit, je länger wir "erwachsen" sind und je weiter wir uns von unserem eigenen Kindsein entfernen desto leichter wird es, diese Themen - die eigentlich unsere Themen bzw. mehr noch, Teil unseres ICHs sind, zu verdrängen und letzten Endes vielleicht gar zu vergessen.
Geht uns doch gut damit. Oder etwa nicht? Diese kleinen Zweifel lassen sich getrost ignorieren, diese unnachgiebige leise Stimme, die sich in den ruhigen Momenten zu Wort meldet, kann man recht gut zum Schweigen bringen, mit all den "guten" Argumenten, die wir all die Jahre von den Erwachsenen gehört haben und im Endeffekt jetzt selbst verwenden und überhaupt, ist all das doch so und so "KINDERKRAM". Irgendwie halt. Oder nicht? Wir müssen doch erwachsen sein und vernünftig. Wir müssen doch unsere Pflicht erfüllen und die Freude und Leichtigkeit auf später, auf die Freizeit ... auf irgendwann verschieben.

Unnachgiebig
Aber dann, dann werden wir ...

wie das so ist ...

... in der ersten, intensiven Zeit mit Baby, in einer Großfamilie, im täglichen Versuch alles unter einen Hut zu bekommen.

Unzählige Male habe ich in den letzten Tagen versucht diesen Blogbeitrag zu beenden und man kann die Zahl der Unterbrechungen wohl am Besten an der Zahl der Überarbeitungen dieses Beitrags messen. Wie das so ist, waren im Endeffekt andere Dinge wichtiger. Unaufschiebbar im Familiendasein und im Alltag mit Baby.
Mal war es das Stillen, dann das Zahnen der Zweijährigen, dann der Hunger der Großen, dann wieder das dringende Kuschelbedürfnis von irgendjemandem. Mal war es die Luft im Bauch, dann das Ausscheidungsbedürfnis und abermals das Stillen und ein ander Mal das dringende Redebedürfnis eines der größeren Kleinen. Mal ihre Missverständnisse oder ihre Ideen, die ein wenig Hilfe benötigten um verwirklicht werden zu können. Bedürfnisse der Kleinen und größeren Kleinen, die meine volle Aufmerksamkeit verlangt oder zumindest dazu geführt haben, meinen Gedanken- und Schreibluss zu beenden. Und so musste dieser Beitrag einfach warten. Auf unbestimmte Zeit verschoben könnte man sagen. Kommt schon wieder - später irgendwann. So wie vor einigen Wochen angekündigt :-)
Später irgendwann, dann, wenn Zeit ist. So wie jetzt gerade. Die Jüngste schläft und die anderen toben im frisch gefallenen Schnee, der alles hier über Nacht in eine dicht verschneite Winterlandschaft verwandelt und die Kleinen bereits in aller Frühe nach draußen gelockt hat.

Ein Augenblick Ruhe
Und so, sitze ich hier und lasse meine Gedanken schweifen. Sie kehren zurück, zu den Momenten der Geburt und den vergangenen Wochen. Zu dieser intensiven, ersten Zeit, die so schnell vorüber zieht trotz allem Innehalten. Trotz aller Ruhe, die der Alltag mit so einem kleinen Menschen mit sich bringt. ...

Vom Eins-Sein zum Eigenständig-Sein

Nach einem spannenden Gespräch und darauf folgenden nicht minder spannenden Gedanken, muss ich nun doch noch einmal das Thema Windelfrei aufgreifen. Wenn auch eingebettet in den bedürfnisorientierten Umgang mit kleinen Menschen, geht es dennoch auch um Windelfrei. Beziehungsweise das Eingehen auf das Ausscheidungsbedürfnis des Babys.

Kein Ich-Bezug
Nicht wenige raten heute davon ab einem Baby zu früh die Windel auszuziehen und es zum Sauber werden anzuhalten. Nicht ganz unbegründet - zugegeben. Denn jegliche Art von Druck, Spannung, Stress und Überforderung wirkt sich negativ auf die Eltern-Kind-Bindung und Beziehung aus. Zudem lässt es sich nicht leugnen, dass die meisten Sauberkeitserziehungsmethoden mit Lob und Belohnung arbeiten und das Ausscheiden dadurch zur Leistung machen ... bzw. einer recht widersprüchlichen Angelegenheit.
Trotzdem: Windelfrei wird da gerne mit hineingemixt und passt eigentlich nicht hinein. Vor allem dann nicht, wenn weder Druck noch Stress mithineinspielen und es als das gelebt wird, was es ist. Eine Möglichkeit - ein Eingehen auf das Ausscheidungsbedürfnis des Babys. Abgesehen davon, kann ich mit manch einer Begründung warum windelfrei von Anfang an schlecht sei, nichts anfangen.
Nachvollziehbar sind die Gedanken mitunter - das schon - aber trotzdem nicht schlüssig. Nicht, wenn ich den kleinen Menschen als Ganzheit betrachte. Da ist zum Beispiel der Gedanken, dass das Eingehen aufs Ausscheidungsbedürfnis nicht gut wäre, weil das Baby anfangs noch keinen Ich-Bezug hätte. Weil es noch nicht verstehen würde, dass das, was da im Töpfchen landet von ihm kommen würde.
Es stimmt schon. ICH - also das Begreifen des Selbst als eigentständigen, individuellen Menschen - gibt es in den ersten Lebensmonaten noch nicht. Vielmehr wird das Sein als Einheit mit der Mutter erfahren. Als EINS-SEIN.
Trotzdem ist dieser Umstand für mich keine schlüssige Erläuterung dafür, das Eingehen aufs Ausscheidungsbedürfnis auf einen späteren Zeitpunkt verschieben zu müssen. Denn streng genommen müsste ich dann jegliches Eingehen auf eine Bedürfnisäußerung untersagen. Letzten Endes erfährt das Baby ja auch jedes andere Bedürfnis auf diese Art und Weise - im EINS-SEIN mit der Mutter.

Entwicklungsprozess
Das Erleben und Entdecken vom Selbst ...

Kann´s so einfach sein?

So ganz ohne Windel? Dieses Abhalten, wann immer ein Bedürfnis auftaucht oder es vom Gefühl her passt?
Es ist ja nichts Neues - eigentlich. Nicht für uns. Und trotzdem. Trotzdem immer wieder faszinierend. In diesen Momenten, wo so überdeutlich klar wird, dass es sich hier nicht um irgendwelche Zufälle handelt. Sondern der Impuls ganz klar vom Baby ausgeht. Das einfach unruhig wird und auf sich aufmerksam macht, durch Geräusche oder Jammern oder Zappeln oder diesen bestimmten Blick, diese eine Grimasse .... Weil die Blase voll ist oder der Darm drückt oder auch, weil die beim Stillen mitgeschluckte Luft im Bauch zwickt und nach draußen will oder schlicht und einfach deshalb, weil das was ist gerade nicht passt ....

So einfach ist das
Ich habe lange gezögert, ob ich so einen Windelfrei-Beitrag überhaupt schreiben soll. "Schon wieder" ein Windelfrei-Beitrag? Wird das nicht langsam langweilig? Denn eigentlich lässt sich bei diesem Thema nicht viel Neues hinzufügen. Es ist einfach, wie es ist. Und auch das Rundherum lässt sich nicht ewig thematisieren und beschreiben und ausschmücken. Dieses Abschalten vom Kopf und auf das Gefühl hören. Dieses einfach tun und sich über mögliche nasse Hosen nicht den Kopf zerbrechen .... Gut, vielleicht ist das nur mein Eindruck und vielleicht liegt das auch daran, dass dieses Windelfrei-Thema für uns wirklich schon so normal und alltäglich und selbstverständlich ist. So selbstverständlich, dass es eben kein Thema mehr ist und Abhalten und Lulu/Kacka im Töpfchen vollkommen normal ist.

Aber dann wollte ich etwas schreiben. Etwas, was ...

Ich hab dich trotzdem lieb

Auch, wenn ich müde und erschöpft bin und mir die Geduld fehlt.
Auch, wenn ich genervt oder unaufmerksam bin. Wenn mir die Ruhe fehlt dir zuzuhören oder das Spiel zu finden, das du mir so genau beschreiben kannst und von dem ich auch nach der x-ten Beschreibung noch nicht weiß, welches du meinst. Ich hab dich trotzdem lieb, auch wenn ich mal wütend werde und mich darüber ärgere, dass dir die Schüssel mit dem Apfelmus aus der Hand gefallen ist und sich Scherben und Inhalt in der gesamten Küche verteilt haben ...

Manchmal überkommt es uns. Das schlechte Gewissen, darüber, dass wir nicht immer lieb lächelnd über gleich welche Situation hinwegsehen können. Darüber, dass wir wieder einmal ungeduldig waren oder aufgrund zahlreicher Umstände keinen Nerv dafür hatten, irgendeinen millimetergroßen Gegenstand im Staubsack zu suchen, weil dieser vor dem Saugen auf den Teppich gefallen ist und dann eingesaugt wurde. Plötzlich ist es da und drückt uns das Herz zusammen und durchflutet uns mit dem unguten Gefühl ...

Kraftvoll

berührend, wunderschön, intensiv, zeitlos ...
Worte, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an die Geburt unserer Jüngsten denke. Bald drei Wochen ist es nun her. Draußen herbstelt es, die Tage werden kürzer, die Kleinen kommen mit roten Backen von draußen herein, in den Öfen lodert das Feuer und ich genieße einmal mehr, in all den Jahren Mamasein, eine gemütliche Anfangszeit. Durchwachsen vom Alltag und all der nicht zu überhörenden und intensiv pulsierenden Lebendigkeit hier, aber dennoch gemütlich und nach wie vor in stillen Momenten gänzlich zeitlos.
Stille Momente, in denen meine Gedanken zu jenen intensiven Augenblicken der Geburt zurückkehren. Wo ich versuche diese Sekunden, Minuten und Stunden greifbar zu machen und noch einmal darin einzutauchen.

Rückblick
Eigentlich ... eigentlich bin ich ein sehr geduldiger Mensch. Nur nicht, wenn es um Geburt geht. In diesen letzten Tagen der Schwangerschaften ist es mir noch nie leicht gefallen, geduldig zu bleiben und so war es auch diesmal nur eine Frage der Zeit, bis sich die bereits altbekannte Ungeduld eingestellt hat. Und sie kam. Wenige Tage vor dem errechneten Termin war ..

Aus - (der) - Zeit

Der letzte Beitrag liegt nun schon etwas mehr als zwei Wochen zurück. Zwei Wochen, die ich mich bewusst dazu entschieden habe den Computer zu meiden. Und zwei Wochen, in denen so viel geschehen ist, dass es uns wie selbstverständlich erscheint sie in ein DAVOR und DANACH einzuteilen.
Das DAVOR, welches geprägt war von dem sehnsüchtigen Erwarten der Geburt, der leisen Ungeduld und dem gleichzeitigen Genießen der letzten Schwangerschaftstage. Im Grunde Tage voller ambivalenter Gefühle und der abermaligen Erkenntnis, dass dieses Warten auf die Geburt mitunter unendlich schwer sein kann. Für mich ebenso, wie für alle anderen. 
Und jetzt, das DANACH, dieser Schwebezustand zwischen dem Zauber der ersten Zeit und dem nicht zu ignorierenden Alltag voller Bedürfnisse von Groß und Klein, die nicht aufgeschoben werden können und nach Erfüllung rufen. Dazwischen die Geburt, mit der unser jüngstes Familienmitglied im wahrsten Sinne des Wortes (beinahe) heimlich und von den Geschwistern unbemerkt in unsere Familie geschlüpft ist. Ein Erlebnis, über das ich euch zu einem späteren Zeitpunkt sehr gerne berichten möchte. Nicht zuletzt, weil es mir wieder einmal gezeigt hat, wie kraftvoll und schön es sein kann.

Dankbarkeit
Die Ankunft eines kleinen Menschen ist immer wieder aufregend und spannend. Und auch, wenn es hier schon ein nicht mehr ganz so unbekanntes Szenario ist, so ist es doch jedes Mal wieder neu und jedes Mal wieder eine wunderschöne, berührende Erfahrung. Eine Erfahrung, die bleibt und die uns alle um ein wenig reicher macht. Und eine Erfahrung, die mich auch diesmal wieder mit Dankbarkeit erfüllt. Wenn ich da sitze, das kleine, so perfekte Wesen in meinem Arm, friedlich vor sich hin schlummernd und den großen und noch nicht ganz so großen Geschwistern draußen vorm Fenster dabei zusehe, wie sie in den herbstlichen Sonnenstrahlen Seilspringen. Wie sie lachen, zählen und sich gelegentlich auch in die Haare bekommen, wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Wenn ich daran denke wie sie in dieser Zeit mal ganz selbstverständlich und dann wieder etwas nörgelnder mithelfen, wie die Großen auf die Kleinen schauen und wie sie darauf achten, dass der annähernde Tagesrhythmus erhalten bleibt, dann sind Glück und Zufriedenheit greifbar.
Trotz dem nicht zu leugnenden Alltag, trotz der immer wieder kehrenden Spannungen zwischen den großen Geschwistern und trotz aller Lebendigkeit herrscht hier im Moment dieser ganz eigene zauberhafte Frieden vor. Dieses aus der Zeit sein, diese wunderbaren Momente als Familie, wo Zeit unwichtig wird und die so wertvoll sind. Wertvoll für uns als Eltern aber auch als Paar, wertvoll für uns als Familie und wertvoll für die jungen Menschen hier, die sich - zweifelsohne ihre ganz eigenen Erfahrungen und Bilder aus dieser Zeit mitnehmen werden. Und jedes Mal wieder ist es spannend mit welcher Selbstverständlichkeit einerseits dieser kleine Neuankömmling hier im Kreis aufgenommen wird, und mit welcher Neugierde er andererseits beschnuppert, bestaunt und gehalten wird.

Etwas ruhiger ...
Wenn es hier in nächster Zeit also etwas ruhiger werden sollte, wenn die Beiträge etwas länger auf sich warten lassen, dann liegt das an diesem kleinen Wesen, welches derzeit beinahe meine gesamte Aufmerksamkeit einfordert. Und das ist auch gut so :-). Denn der Blog kann ebenso warten, wie die Ideen in meinem Kopf. Und die Zeit, in der dieses wunderbare kleine Wesen im Schnelldurchgang stillt, weil das Rundherum viel spannender ist, kommt gefühlt wahrscheinlich eh wieder einmal viel zu schnell.

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