Ist das noch normal?

Ist normal das, was der definierten Norm entspricht oder das, was natürlich ist?
Ist normal jener Zustand des Babys, den es laut gesellschaftlicher Meinung haben sollte oder jener, der seinem Wesen und seinem Entwicklungsstand entspricht? Ist normal das natürliche Verhalten des kleinen Menschen in seiner Interaktion mit Menschen und Umwelt oder das, was Meinung von Erziehungskonzepten und Ideen ist?
Wer definiert Normalität - gerade auch in Bezug auf kleine Menschen, ihr Verhalten und ihre Wesensart? Wo setzen wir an?
Und warum scheint es uns einerseits so wichtig "normal" zu sein und ist da andererseits doch irgendwie auch die unbestimmte Sehnsucht nach einer Besonderheit, nach Individualismus, Einzigartigkeit ...

Ist das noch normal?
werde ich so oft gefragt und spüre dabei die Unsicherheit der Eltern, ihre Angst, davor, dass etwas nicht stimmen könnte, dass sie etwas falsch machen könnten oder bereits falsch gemacht haben. Oder das da etwas mit dem kleinen Wesen nicht stimmen könnte, weil es sich verhält, wie es sich verhält. Weil es nicht immer nur ruhig und zufrieden ist, weil es auch mal weint oder wütend wird, weil es schüchtern ist oder gelangweilt, weil es ungeduldig wird, ....
Ist das noch normal?
fragen sie ...

und erzählen von weinenden, "anhänglichen" Babys oder Wutanfällen, von Schüchternheit und der Zurückhaltung in Bezug auf andere, weniger bekannte Menschen. Sie erzählen von Geschwisterstreitigkeiten und offensichtlichem "nicht hören wollen", ... Sie erzählen von liebevollen, lachenden, weinenden, manchmal auch wütenden, neugierigen und vorsichtigen kleinen Menschen. Von einzigartigen kleinen Wesen, die die Welt entdecken und auf ihre ganz eigene Art und Weise auf Situationen reagieren. So, wie es für sie passt. So, wie es ihrem SEIN entspricht. Aber auch so, wie es ihrer Reaktion auf eine Situation entspricht ....

Normal?
Einzigartig, individuell und ja definitiv auch natürlich und normal, wenn wir unter Letzterem die Bezeichnung für Verhaltensweisen verstehen, die für eine gesunde, vollkommen natürliche Entwicklung sprechen. Wenn wir darunter Verhaltensweisen verstehen, die mal kommen und dann wieder gehen, wie Biegungen an einem Fluß, einfach weil sie dazu gehören und auf Sonnenschein mitunter auch mal das Gewitter folgt. Wenn wir darunter Verhaltensweisen verstehen, die dem Wesen des kleinen Menschen und seiner Individualität entsprechen .... Verhaltensweisen, die bei dem einen vielleicht ein wenig ausgeprägter sind und bei dem anderen kaum auftreten ... und dennoch keinen Anlass zur Sorge geben, weil sie dem Leben und seiner Vielfalt entsprechen ...
Und trotzdem, trotzdem gibt es da dieses kleine ABER.
Aber, weil Verhaltensweisen von kleinen Menschen gerne mal pathologisiert werden. Weil Wut und Tränen, Lachen und Lebendigkeit auf der einen Seite nicht so individuell sein dürfen oder sein sollen und auf der anderen Seite aber gerne und oft überbewertet, ja sogar überthematisiert werden. Aber, weil Schubladen allzu gerne geöffnet und kleine Menschen allzu gerne darin kategorisiert und mit Stempeln versehen werden, ohne sich Zeit zu nehmen und die Mühe zu machen, wirklich hinzuschauen und hinzuhören.
Aber, weil es eben auch normal und natürlich ist, dass bestimmte Verhaltensweisen genau dann gezeigt werden, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wenn die Stabilität des Familiengefüges nicht (mehr) gegeben ist und Eltern zu unsicher und ängstlich sind ... Und gerade da dürfen wir uns die Zeit nehmen, Innehalten und uns die Frage stellen, welchen Part wir da in der Situation innehaben. Statt im Kind nach Gründen und Abnormitäten zu suchen, sollten wir mal bei uns selbst verweilen, und uns die Frage stellen, warum uns das Verhalten der kleinen so nahe geht und so durcheinander bringt. Wir sollten uns die Frage(n) stellen, in welchem Zusammenhang unsere eigene Reaktion zum Verhalten des kleinen Menschen steht.

Aus dem Nichts ...
Eines vorweg: die meisten Krisen, die Eltern beunruhigen sind im Grunde völlig harmlos und absolut normal (wenn auch anstrengend und herausfordernd). Problematisch wird es erst dann, wenn das Verhalten des kleinen Menschen die Reaktion auf ein bestehendes Ungleichgewicht im Familiengefüge ist. Oder, wenn aus dem vollkommen normalen, individuellen und im Sinne der Entwicklung nach Orientierung rufenden Verhalten des kleinen Menschen ein übergroßes Thema gemacht wird. Wenn quasi aus der berühmten Mücke ein Elefant gemacht wird. Wenn ein Problem erschaffen wird, das es eigentlich nicht gibt. Oder das es erst danach gibt, weil das Verhalten des kleinen Menschen überhaupt erst zum Thema gemacht wurde. 

Und das geschieht in Eltern-Kind-Beziehungen schneller, als man denken mag. Gerade weil Eltern heute so unendlich darauf bedacht sind, alles richtig zu machen. Gerade weil da die eigenen Ängste und Erwartungen sind oder das übergroße Bedürfnis "lieb" zu sein. "Lieb" zu dem kleinen Menschen, "achtsam" im Umgang mit seinen Bedürfnissen. Und schon ist da die Unsicherheit. Schon ist da die Vorsicht in allen möglichen Situationen um nur ja kein Verhalten hervorzulocken, wo wir vielleicht nicht mehr "lieb" sein können. Weil da möglicherweise eine natürliche Grenze ist, die sich nicht verschieben lässt oder auch unsere eigene Grenze, ... was dann zu bestimmten Reaktionen und Verhaltensweisen beim kleinen Menschen führt, ....
Es ist ein bisschen, wie mit den self - fulfilling prophecies .... Es sind die Erwartungen (oder Ängste) die wir in uns tragen, die daraus resultierenden Handlungen und Worte und die nach außen getragenene Botschaften, die beim kleinen Menschen ankommen und plötzlich wird aus seiner vollkommen natürlichen und normalen Reaktion/Emotion, dieses übergroße Thema. Diese Besonderheit. Dieses ETWAS, das sofortige Maßnahmen erfordert. Oder Konsequenz. Oder vernünftige Gespräche ... Oder Sonderbehandlung und Diagnostizierung.
Dabei ist der versteckte Part den wir selbst darin spielen oft wesentlich größer, als die Reaktion und das Verhalten des kleinen Menschen.
Ja, natürlich Reaktion braucht es. Aber eine, die wirklich weiter hilft. Eine, die dem kleinen Menschen bei der Regulation seiner Emotionen hilft, beim Zurückfinden in die eigenen Mitte, beim sich selbst spüren. Und beim Erkennen, dass es "okay ist".

Natürliche, normale, der Entwicklung zugehörige Verhaltensweisen brauchen keine Therapie. Keinen Sonderstatus. Keine Schublade und auch keine Diagnose. Sie brauchen erwachsenen Menschen mit einer Haltung, die beim Erkennen und Verstehen hilft. Die keinen Elefanten erzeugt oder einen pathologischen, behandlungsbedürftigen Zustand ...
Natürliche, normale, der Entwicklung zugehörige Verhaltensweisen dürfen auch mal anstrengend sein für uns und herausfordernd. Und wir dürfen uns in jeder Situation wieder die Frage stellen, was uns hier bewegt und warum. Dennoch, dürfen sie einfach so dasein und wieder vorüber ziehen. 
Und wir dürfen einmal mehr uns selbst und unserem Bauchgefühl vertrauen, dass sich sicherlich dann meldet, wenn wir uns wirklich Gedanken machen sollten. Wenn es da wirklich Verhaltensweisen gibt, die Hinweiße darauf geben könnten, dass der kleine Mensch in dem einen oder anderen Bereich doch etwas mehr Begleitung braucht. Oder Hilfestellung ....

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