Potentialentfaltung

"L-L-L" sagt die bald Dreijährige und malt konzentriert Striche und Kreise in ihr Heft. Sie "schreibt" - wie die Großen, neben ihr. Sie hat ihr eigenes Schüttelpenal, ihren eigenen Block und sie ist mehrmals täglich intensiv damit beschäftigt zu schreiben. Ganze Seiten füllt sie mir ihren "Worten". Besteht auf den eigenen Platz bei Tisch, um bei den großen Geschwistern zu sitzen, ihnen bei ihrem Tun zuzuschauen und sie nachzuahmen. Selbst den Blick immitiert sie gelegentlich. Zwischendurch geht sie zielstrebig zum ABC-Plakat und fährt die Buchstaben mit den Fingern nach. Das O kennt sie schon. Und L. Diese beiden verwendet sie im Augenblick für alle Buchstaben.

Lernt sie?
Sie ist mitten drinnen. Hat nie damit aufgehört. Mit dem Lernen. Wie jeder kleine Mensch, richtet sie all ihr Tun darauf aus, ihre Fähigkeiten zu schulen und ihr Potential zu entfalten. In ihrem Tempo. Ihrem ganz eigenen Rhythmus folgend. Jetzt ist es das Schreiben, vor ein paar Tagen war es das Schneiden. Übermorgen ist es vielleicht das Rechnen und irgendwann, zwischendrinnen sind es andere Dinge, mit denen sie sich beschäftigt und die sie sich aneignet. Sie sieht, hört, fühlt, .... be-greift und nimmt wahr, ahmt nach, erkennt Zusammenhänge ...

Aber so kann das nicht immer weiter gehen! Irgendwann braucht es ...
Ja was eigentlich? Struktur? Unterricht? Reglementierung ihres Tuns? Beurteilung und Bewertung? Damit sie lernt, dass Lernen Pflicht ist und nicht Spaß? Damit sie endlich aufhört sich voller Wissbegierde mit Themen auseinander zu setzen, sondern schwer seufzend und mit hängenden Schultern ein vorgegebenes Thema nach dem anderen durchackert - endlich angekommen im ERNST des Lebens - aber ohne sich auch nur einen Bruchteil dessen zu merken, was sie da macht? 
Ohne derartige Eingriffe würde sie doch nicht ... weiter lernen?
Warum sollte sie nicht? Warum sollte sie plötzlich damit aufhören? Mit dem Lernen, dem Entdecken? Warum sollte ihre Entfaltung plötzlich stoppen?
Das wäre wider die Natur. Wider unsere Lebendigkeit und fortwährende Entwicklung. Wir wären als Menschheit nicht bis zum heutigen Tage gekommen, wenn unsere Entwicklung und Entfaltung von Unterricht, Bewertung und Beurteilung abhängig gewesen wäre.

Sensibel und fragil
Lernen braucht Begleitung - keine Frage. Es braucht fähige und aufmerksame Menschen, die zuhören und hinschauen können - keine Frage. Und es braucht manchmal auch jemanden, der die Fähigkeit schon beherrscht und das direkt oder auch indirekt zeigen kann. Nichts desto trotz geschieht lernen einfach. Ganz ohne Zutun und wirklich von alleine. Wenn der Raum vorhanden ist. Wenn in diesen sensiblen und fragilen Prozess nicht fortwährend eingegriffen und dieser dadurch ge- und im Endeffekt auch zerstört wird.
Die Freude bleibt erhalten. Die Freude am Tun, die Wissbegierde, die Fähigkeit offen und unvoreingenommen an Herausforderungen heran zu gehen. Ohne Grenzen im Kopf. Ohne "da bin ich noch zu jung/da bin ich schon zu alt" Gedanken.
Welchen Mehrwert hätten wir als Menschheit, wenn unser aller Tun aus Freude geschehen würde und weniger als notwendige Plfichterfüllung? Wenn jeder einzelne, sein Potential entfalten könnte, in seinem eigenen Tempo und Rhythmus?

Wo kämen wir denn da hin?
Tja, wo kämen wir da wohl hin?

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