Windelfreigedanken

Mythen, Märchen und Ideen gibts mittlerweile ganz schön viele über die "Windelfreiheit". Dieses intensive Kommunizieren mit dem Baby über sein Ausscheidungsbedürfnis als Teilaspekt eines bedürfnisorientierten Umgangs wird selten als das dargestellt, was es eigentlich ist. Von Erziehung übers "ANTUN", vom verfrühten Sauberkeitswahn bis hin zur 24h rund um die Uhr Beobachtung ist so gut wie alles vertreten.
Ein Baby übers Töpfchen halten. Eigentlich ganz natürlich ... und logisch. Sollte man meinen. Babys kommen letzten Endes nicht mit Windeln zur Welt und es wäre unlogisch, würden sie - als Traglinge, die in ihrer Bedürfnisbefriedigung von älteren Menschen noch abhängig sind  - nicht die Fähigkeit in sich tragen, ihr Ausscheidungsbedürfnis ebenso wie jedes andere Bedürfnis auch - zeigen zu können. Es wäre unlogisch, würden wir davon ausgehen, dass diese Fähigkeit erst irgendwann viel später einmal kommen würde. Im Zuge verschiedener komplizierter Reifungsprozesse. Was für ein Schwachsinn (diese Idee) - verzeiht die Ausdrucksweise. Aber nach 5 kleinen Menschen, die niemals gewickelt wurden kann ich über derartige Dinge eigentlich nur lachen. Über derartige Ideen. Und ja, das alles hatten wir schon. Oft genug hier im Blog oder in meinen Seminaren, Vorträgen oder Gruppen thematisiert. Oft genug in Gesprächen erläutert und oft genug von Menschen gehört, die eigentlich keine Ahnung haben, aber meinen mitreden und ihre als Weisheiten getarnten Vorurteile kund tun zu können.

Die Erfahrung machts ...
Auch, wenn das einige in der Art und Weise nicht hören wollen: mit der Windelfreiheit verhält es sich wie mit allen anderen Dingen in Bezug auf das Elternsein. In der Theorie kann man viel weitererzählen. Man kann das gesamte Gefüge zerpflücken, ein Konzept daraus machen, irgendwelche Maßstäbe, Richtlinien und Tabellen hinzu fügen und dennoch im Grunde keinen blassen Schimmer davon haben, was es wirklich bedeutet. Aus dem ...

einfachen Grund: fehlende Erfahrung. (Was sich im Übrigen aufs gesamte Elternsein bezieht. Wissen haben immer nur die, die es wirklich leben. Alle anderen haben Ideen, vielleicht den neutralen Blick von außen, aber eben keine wirkliche Erfahrung).
Es geht ums Erkennen und Verstehen - und auch hier wieder die Verbindung zu so vielen anderen Bereichen. Ich kann niemandem Chinesisch beibringen, wenn ich es selbst nicht spreche und somit auch nicht verstehe. Nicht anders verhält es sich bei der Windelfreiheit.
Denn Baby sind eben keine Maschinen, für die es eine schlichte und einfache Betriebsanleitung braucht ... (auch wenn das gelegentlich viel leichter wäre, als ständig hinein zu fühlen und zuzuhören ...

Funktioniert nicht ...
Nein eh, Windelfrei funktioniert nicht. Kann auch gar nicht funktionieren. Eben weil es hier nicht um irgendwelche Maschinen geht, sondern um lebendige Wesen, die sich dank ihrer Lebendigkeit schlicht und einfach nicht irgendwo eingrenzen und kategorisieren lassen. Und aus eben diesem Grund finde ich auch all die Listen und Tabellen bedenklich, die Eltern aufzeigen wann und wie oft ihr Baby in welchem Alter ausscheidet. Wann und wie oft ist keine Frage des Alters sondern so individuell wie all die anderen Charakterzüge, ganz zu schweigen davon, dass hier die Befindlichkeit, Tageszeit und die klimatischen Verhältnisse ebenso eine Rolle spielen.
Weder unser Sohn, noch unsere Töchter hätten jemals in eine dieser Listen gepasst und hätte ich mich an derartige Angaben gehalten (was für ein Glück, das es diese bei unserer ersten Tochter gar nicht gab) wäre ich wahrscheinlich verzweifelt und hätte die Idee davon, dass Babys keine Windeln brauchen ziemlich schnell verworfen.
Nein, Windelfrei funktioniert nicht. Windelfrei ist einfach und am besten dann, wenn jegliche Ideen von irgendwelchen "Soll"-Zuständen, Listen oder Tabellen aufgegeben werden.

ANTUN
Nein, weder die Eltern tun sich hier was an (es sei denn sie machen sich selbst Erfolgsdruck und somit Stress), noch wird dem Baby etwas angetan. Wir kommen als Menschen nun einmal nicht drum herum unsere grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen. Egal wie klein oder wie groß wir sind. Selbst dann nicht, wenn wir uns eine Windel umschnallen. Wenn die Blase voll ist oder der Darm drückt, weil sich der Körper Abfallprodukten entledigen möchte, dann muss dieser Vorgang der Entleerung einfach geschehen. Und wenn der Magen aufgrund dieser Ausscheidungsprozesse wieder leer ist, kommen wir nicht umhin ihn gelegentlich wieder mit Nahrung zu füllen um ausreichend Energie zu haben.
Interessanterweise sind wir - die wir uns als so zivilisiert und intelligent bezeichen - die einzigen Lebenwesen, die ihren Jungen nicht nur die Ausscheidungen an den Körper schnallen (und das auch noch als hygienisch bezeichnen), sondern die auch noch Methoden und Produkte erfunden haben, welche die Anwesenheit von Müttern (oder auch Vätern) ersetzen sollen - zumindest teilweise. Das lässt sich weder beschönigen noch in irgendeiner Art und Weise leugnen.
Wenn wir Intelligenz als eine Folge von all den Verknüpfungen im Gehirn des kleinen Menschen in seiner gesamten Reifungsphase betrachten und bekannt ist, dass diese Verknüpfungen eine Folge von sinnlichen Reizen, anregender Umgebung, intensivem Kontakt zu anderen Menschen, etc. sind, dann stellt sich mir zusehends die Frage, warum so viel Wert darauf gelegt wird, die Anwesenheit von Eltern bzw. Menschen generell (wie es mittlerweile der Fall ist) zu ersetzen? Und wenn wir davon ausgehen, dass Körperkontakt und intensives Beisammensein die Bindung zueinander und in weiterer Folge die Beziehung stärken, dann stellt sich mir auch die Frage, welchen Sinn es haben könnte genau das fortwährend zu verhindern oder gar zu relativieren?
Aber zurück zur Windelfreiheit. Und der Idee davon, dass Eltern sich hier etwas antun würden. Im Grunde stimmt das auch irgendwie - aber nur in Bezug auf das gesamte Elternsein. Denn Eltern "tun" sich etwas an, weil es ihnen ein Bedürfnis ist und weil sie sich dazu entscheiden 24h rund um die Uhr für einen kleinen Menschen da zu sein. Ihn auf seinem Weg zur Selbstständigkeit zu begleiten und mit ihm durch all die Höhen und Tiefen zu gehen, die Entwicklung beinhaltet. Sie "tun" sich in dem Sinne etwas an, weil sie (bei intakter Bindungsbeziehung) zum Prellbock aller möglichen Gefühle des kleinen Menschen werden und sich trotz aller Zuneigung, Fürsorge und Liebe irgendwann einmal ein "du bist doof" (oder ähnliches) anhören müssen ...Aber mit der Windelfreiheit, mit der bewussten Entscheidung auf das Ausscheidungsbedürfnis einzugehen und unmittelbar darauf zu reagieren tun sie sich nicht mehr oder weniger an, wie damit, dem kleinen Menschen Nahrung zur Verfügung zu stellen, wenn er hungrig ist oder ihn in den Schlaf zu begleiten, wenn er müde ist. 

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