Entfaltung

Vor ein paar Tagen wurde ich wieder einmal überrascht. Von unserer Dreijährigen. Plötzlich steht sie neben mir. Mit ein paar Buchstaben eines Leselernspieles in der Hand. Ein Spiel, das wir vor vielen Jahren einmal geschenkt bekommen haben und das seinen Zweck meiner Meinung nach nicht wirklich erfüllt. Weswegen es auch den Jüngsten zum Ein- und Ausräumen, Spielen und Sortieren zur Verfügung steht. Die Dreijährige streckt mir das "R" entgegen und sagt: "Das ist der Anfang von meinem Namen". Dann legt sie "S" und "I" dazu und meint, dass auch die dazu gehören und ich ihr zeigen soll, wie sie den Namen ganz schreiben kann. Eine halbe Stunde später hat sie viermal ihren Namen mit den Buchstaben gelegt und ihn fünf mal geschrieben. Fürs Erste scheint ihr das zu reichen. Mit den Worten "ich kann meinen Namen schreiben" wendet sie sich wieder anderen Dingen zu.
Wann ist das denn passiert?
Im ersten Moment war ich wirklich überrascht und habe sie fasziniert und erstaunt dabei beobachtet wie sie - in gar nicht unleserlichen Krakeln sondern eigentlich recht leserlichen Buchstaben ihren Namen geschrieben hat. Mit nicht wenig Stolz und voller Konzentration. Ich kann mich nicht erinnern ihr jemals -beim Schreiben ihres Namens- die einzelnen Buchstaben erläutert zu haben. Dafür gab es von ihrer Seite einfach noch kein Interesse. Ganz im Gegensatz zu jetzt.
Plötzlich ist da nicht nur das Erkennen von Buchstaben und ihrer Kombination zu einem Namen/Wort, sondern auch der Wunsch diese Schreiben und Verstehen zu können. Seit diesem Tag erkennt sie immer öfter Buchstaben - vor allem jene, die in ihrem Namen vorkommen. Und immer wieder können wir sie dabei beobachten, wie sie mit dem Schreiben experimentiert.

Lernprozesse sind ..

immer wieder faszinierend und verblüffend für mich. Egal ob von kleinen oder etwas größeren Menschen. Dieses plötzliche da sein von Fähigkeiten oder Wissen, dieser Aha-Moment, wenn es zum Erkennen kommt und Zusammenhänge verstanden werden. Diese Freude und das Strahlen in den Augen. Und die ganz oft im Anschluss kommende, notwendige Pause. Wobei das mit der Pause so eine Sache ist. Denn nur, weil sich offensichtlich nichts in die jeweilige Richtung tut, heißt das noch lange nicht, dass der Lernprozess nicht dennoch voranschreitet. Denn letzten Endes können wir nie davon ausgehen, was in dem kleinen Menschen gerade vorgeht.

Erkennen und Verstehen
Raum geben, Lernprozesse wirken und arbeiten lassen und sich in Zurückhaltung zu üben verlangt von uns aber ebenso ein Erkennen und Verstehen. Erkennen und Verstehen, was permanente Eingriffe zerstören und Zurückhaltung und angemessene Begleitung bewirken können. Aufgrund der eigenen Erfarhungen mit dem Lernen, aufgrund der erfahrenen intensiven Eingriffe und Beurteilungen, die uns geprägt haben, wie auch von der gesellschaftlich verbreiteten Idee, dass wir Forcieren und Belehren müssten damit Entwicklung überhaupt passiert, wird das Interesse des kleinen Menschen ganz oft als Startschuss für Belehrung und Forcierung gesehen. 
Statt Entfaltung und Entwicklung den nötigen Raum zu geben, ihnen mit beobachtender Zurückhaltung zu begegnen und Entstehen zu lassen, was entsteht, wird das gesamte vorhandene Angebot über dem kleinen Menschen ausgekippt. Zeit zum Verarbeiten wird ihm kaum gegeben. Und selbst dann, wenn es nicht gar so drastisch gehandhabt wird: Gerade Eltern, die sich dazu entschlossen haben ihren Sohn oder ihre Tochter frei lernen zu lassen, warten oft ungeduldig darauf, dass bestimmte Interessen endlich auftreten und somit als "aufgetreten und gelernt" abgehackt werden können. Wobei die Ungeduld meist gar nichts oder nur bedingt etwas mit dem kleinen Menschen und seinem Lernen zu tun hat, sondern häufig mit dem Wunsch, der Umgebung einen Beweis bieten zu können, dass der eingeschlagene Weg auch "funktioniert" ... Und häufig ist es auch das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen um zu verhindern, dass das Interesse wieder verschwindet.
Das Faszinierende ist, dass Wachsen, Lernen und Entfalten gerade dann intensiv vorhanden sind, wenn wir es verstehen uns zurückzuhalten. Und damit zufrieden sind, zuschauen und beobachten zu dürfen, während der kleine Mensch seine Erfahrungen sammelt und Entdeckungen macht.

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