Nicht müssen wollen!

Eltern von windelfreien Babys kennen sie, diese Phase in der plötzlich gar nichts mehr geht. Wochenlang läuft es so dahin. Wochenlang scheint nichts einfacher zu sein, als dem dringenden Bedürfnis nachzukommen. Kaum eine nasse Hose, kaum ein Lackerl am Boden. Und dann plötzlich, von einem Augenblick auf den andern oder besser gesagt von einem Tag auf den anderen, die 180 Grad Wendung.

NICHTS GEHT MEHR
Eigentlich ist es ganz einfach. Wenn wir aufhören kompliziert zu denken und versuchen den Grund für das nicht mehr wollen, bei uns zu finden oder schlimmer noch, in der Kommunikation generell.
Nichts geht mehr Phasen gibt es immer wieder. Sie kommen und gehen ganz unabhängig von uns Erwachsenen, einfach weil sie notwendig sind und weil ohne sie weder Entwicklungsschritte noch Lernprozesse möglich wären. Mal ist es das mobil werden, mal sind es die Zähne und ein ander Mal ist es die unangenehme Verkühlung, die gleichzeitig mit dem Selber essen wollen einher geht.
Die Nichts geht mehr Phase von der ich heute schreibe, ist jene, die sich eigentlich - bei näherer Betrachtung und Blick auf das Ganze - auf alle Bereiche der grundlegenden Bedürfnisse ausdehnt und im Grunde den ersten großen Schub Richtung selbstständig werden darstellt. Es ist die Phase, wo einfach wirklich nichts mehr gehen will. Wo "WOLLEN" und "NICHT WOLLEN" aneinander krachen und dem kleinen ...

Menschen die ganze Tragweite des teilweise unveränderlichen IST-ZUSTANDES bewusst zu werden scheint. Diesen vielen kleinen unveränderlichen Umstände, die einfach zum Leben gehören und die da sind, selbst dann, wenn wir sie zu ignorieren versuchen. Entwicklungsschritte und Lernprozesse, die gegen Ende des ersten Lebensjahres eigentlich unendlich wichtig sind und die sich oft bis weit ins zweite Lebensjahr hinein ziehen, die uns Eltern aber vor ganz spezielle Herausforderungen stellen.
Denn wie umgehen, mit diesem kleinen wütenden und vielleicht gar kreischenden Baby. Wie umgehen, mit diesem plötzlichen "nicht wollen", obwohl das "müssen" aufgrund eines dringenden Bedürfnisses eigentlich offensichtlich ist. Und nein, dieser Entwicklungsschritt beschränkt sich nicht nur auf das Ausscheidungsbedürfnis. Das fällt uns halt am ehesten auf und beschäftigt uns am meisten, weil wir gerade hier gerne daran glauben irgendetwas falsch gemacht zu haben. Wenn das Baby plötzlich alles selber halten und probieren möchte, dann ist das halt so. Wenn das Baby abends plötzlich nicht mehr schlafen möchte, trotz offensichtlicher Müdigkeit, dann ist das halt so. Und wenn das Baby sich so gar nicht mehr halten lassen oder anziehen lassen möchte, dann ist das halt so. Anstrengend. Aber eben irgendwie normal.
Nur beim Klo gehen oder übers Töpfchen halten, da schrecken wir entsetzt zurück und malen (sprichwörtlich) recht gerne den Teufel an die Wand. ES hat also doch nicht geklappt. JETZT ist alles aus und vorbei ... JETZT müssen wir doch noch wickeln ... WIR haben alles falsch gemacht ... Dabei kann man hier - sofern das Baby zu nichts gezwungen wird - nichts falsch machen.

Berg- und Talfahrt
Entwicklungstechnisch ganz normal und notwendig, dieses ständige Auf und Ab. Nichts kann geradlinig verlaufen in der Entwicklung. Es muss all diese Hürden und Ecken und Kurven und Stolpersteinen und Hochebenen und Abhänge geben. Ohne sie, wäre das sich Entfalten und Lernen und Erfahren nur halb so spannend. Ohne sie würde Entwicklung eigentlich gar nicht stattfinden können. Denn ERFAHREN und LERNEN ist nun einmal ganz eng mit dem grob zusammengefassten HINFALLEN verbunden. Sich selbst kennen und die dringenden, essentiellen Bedürfnisse von all den anderen Bedürfnissen unterscheiden lernen braucht im Endeffekt das Erkennen, dass man nichts einfach so ignorieren kann.
Wenn ich nicht hinhöre, wenn ich mich nicht drum kümmer, vielleicht vergehts dann wieder so in etwa muss der Gedankengang im kleinen Menschen sein, für den in diesen wichtigen Wochen am Ende des ersten Lebensjahres alles wichtiger ist, als diese dringenden Bedürfnisse wie Essen, Schlafen, Trinken oder eben auch Ausscheiden. Es WILL EINFACH NICHT MÜSSEN.
Natürlich auch, weil das Verständnis von Zeit noch ein ganz anderes ist und weil es genau so gut sein könnte (wer weiß das schon), dass all diese spannenden Dinge einfach weg sind, wenn man sie aus den Augen lässt.

Einmal tief durchatmen ...
und den Blickwinkel verändern. Nicht, auf das "NICHT WOLLEN" des kleinen wütenden Babys schauen. Nicht auf seine Abwehrhaltung, wenn wir wieder einmal den Versuch zu was auch immer starten ... sondern das andere sehen, diesen wichtigen Entwicklungsschritt, der dahinter steht und den wir ja eigentlich wollen. Wir haben ja keine Lust dieses rund um die Uhr begleiten ewig weiter zu spielen. Auch wenn es im Augenblick vielleicht noch so schön ist. Es ist uns in Wahrheit ja ein Bedürfnis, dass all das - dieses um sich selbst kümmern - irgendwann ohne uns geht. Und dafür braucht es eben diesen ersten Schritt des nicht mehr Wollens und vor allem auch des nicht müssen wollens (in Bezug auf das Bedürfnis selbst).
Es ist nicht unsere Aufgabe diese Phasen möglichst schnell hinter uns zu bringen oder gar zu verhindern, sondern uns Möglichkeiten zu überlegen, wie wir den kleinen Menschen bestmöglich in diesen Phasen begleiten können. Ohne ihn zu verleiten und ohne zu verhindern. Und gelegentlich ist es einfach das LOSLASSEN und ANNEHMEN, welches die Phase wie von Zauberhand vorüber ziehen lässt ... weil wir dem kleinen Menschen dadurch jenen Raum geben, den er braucht um zu erkennen und eigene Wege zu finden ...

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Kommentare   

0 #1 Stefanie Schnabel 2017-06-06 20:32
Danke für diesen Text! Jetzt verstehe ich ein bisschen besser, was gerade in meinem Sohn vorgeht... ;-)
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