Was "Elternsein" für mich heißt

Eltern-Kind-Beziehung heißt miteinander. Nicht gegeneinander und auch nicht „geschieht nur zu deinem Besten“ oder noch schlimmer „ …, weil ich dich liebe“. Welche Liebe kann das sein, die bewusst verletzt? Oder abweist? Oder sich zwecks Lerneffekten gegen den kleinen Menschen richtet? Oder belügt? Misstraut?

Ja aber irgendwer muss dem Kind doch lernen, dass…
Ich habe keine Ahnung warum wir ein derartiges Misstrauen gegen uns selbst hegen und warum so viele Menschen felsenfest davon überzeugt sind, dass der kleine Mensch prinzipiell einmal und von Anfang an schlecht ist und erst zu etwas „Besserem“ erzogen werden müsste.
Aber Vertrauen kommt nicht von Misstrauen, Zuhören nicht von Überhört werden und Achtsamkeit nicht von Ignoranz. Wie können wir Vertrauen und Zuhören und Achtsamkeit von diesen kleinen heranwachsenden Wesen erwarten, wenn wir es ihnen nicht entgegen bringen. Und nein, Erziehung macht das nicht. Ganz im Gegenteil. Erziehung drängt den kleinen Menschen meist in eine Ecke und begegnet ihm mit Misstrauen. Oder handelt auf Basis von Eventualitäten, die wiederum davon ausgehen, dass der kleine Mensch prinzipiell schlechte Absichten in sich trägt und diese von Vornherein im Keim erstickt werden. Damit aus dem „kleinen schlimmen Hänschen“ kein „großes schlimmes Hänschen wird“ – das in Anlehnung an den so gerne zitierten Hänschen-Spruch – der ja eigentlich auch ganz gut zum Bildungsthema passt und der gängigen Idee, alles möglichst schnell in den kleinen Kopf hineinzustopfen, damit es abgehackt werden kann – vor allem aber auch, damit es nicht irgendwann vielleicht zu spät ist.
Intakte Beziehung braucht keine Maßnahmenpakete
Und kein Erziehungsprogramm. Und nein, als intakte Beziehungen bezeichne ich nicht jene Eltern-Kind-Beziehungen, wo ...
immer alles harmonisch abläuft und alle sich lieb lächelnd den ganzen Tag begegnen ohne jemals auch nur annähernd aneinander zu krachen. Intakt sind für mich jene Beziehungen, wo es auch mal zu Reibungen und Spannungen kommt. Denn wo, wenn nicht im sicheren Hafen bei den Eltern, soll ein kleiner Mensch seine Orientierung finden? Wo, wenn nicht in der vertrauensvollen Umgebung, bei den Menschen von denen er weiß, dass sie ihn „trotzdem“ lieben, kann der kleine Mensch ausprobieren was geht und was nicht?
Solange kleine Menschen bei den Eltern Tobsuchtsanfälle bekommen, nörgeln, weinen und grantig sind, ist alles in bester Ordnung. Ja, das ist natürlich anstrengend und herausfordernd für uns Eltern, vor allem, wenn wir versuchen geduldig bzw. im achtsamen Umgang zu bleiben. Keine leichte Angelegenheit und vielleicht auch kurzfristig und im Augenblick gesehen kein erfolgsversprechendes Rezept. Denn letzten Endes kostet es manchmal wirklich den berühmt berüchtigten „fusselig geredeten Mund“ oder die „hängen gebliebene Schallplatte“ um die eigenen Bedürfnisse oder Grenzen oder Regeln des Miteinanders achtsam und angemessen zu kommunizieren.
Kurzfristig gesehen machen Erziehungsmaßnahmen um ein Vielfaches mehr Sinn, weil sie zumindest oberflächlich gesehen schnell den gewünschten Erfolg bringen. Wenn es sein muss mit schöner Strafmaßnahme im Gepäck. Aber langfristig gesehen ist es genau umgekehrt. Langfristig gesehen macht der fusselig geredete Mund und die hängen gebliebene Schallplatte viel mehr Sinn. Denn über kurz oder lang, wird der Erfolg des achtsamen Umgangs miteinander sichtbar.
Geduld haben
Es braucht natürlich Geduld. Eine große Portion Geduld. Und noch ein wenig mehr Vertrauen sowie Zuversicht. Und beim ersten Kind fällt das manchmal erstaunlich schwer. Vor allem, wenn die Umgebung das eigene Vorgehen anzweifelt und meint, man müsse doch einfach nur einmal hart durchgreifen und einen Schlussstrich unter das Theater ziehen. Und – wie schon gesagt – ein derartiges Vorgehen ist natürlich wesentlich weniger zeitintensiv wie die Stunden, die man damit zubringt, dem kleinen Menschen immer und immer wieder zu erläutern, dass man möchte, das die Bücher im Regal bleiben oder der Mistkübel eingeräumt bleibt und streicheln nicht klopfen oder hauen heißt …
Ich möchte all die Stunden, die ich damit zugebracht habe geduldig und einer hängen gebliebenen Schallplatte gleich die nötigen Anliegen vorzubringen gar nicht zählen. Unzählige waren es – gefühlsmäßig. Aber jeder einzelne Moment war es wert. Jeder einzelne Moment, den ich damit zugebracht habe „die Bücher bleiben im Regal“ zu sagen oder „Für heute ist Schluss, komm wir gehen jetzt nach Hause“, …. Jeder einzelne Moment in dem ich gefühlte Stunden einfach nur zugehört habe um immer und immer wieder dasselbe zu erwidern oder einfach nur zu halten und das Bedürfnis nach Nähe zu stillen … all das hat Sinn gemacht. Denn heute begegnen mir hier kleine und etwas größere kleine Menschen, die uns vertrauen und uns jeden Tag aufs Neue zeigen, wie intensiv die Bindung zwischen uns ist. Und genau darum geht es für mich eigentlich im Elternsein. Nicht um Erziehung. Sondern um eine innige, intakte, tiefe und vertrauensvolle Beziehung.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Kommentare   

0 #1 Sabrina Hörwertner 2017-01-25 20:14
Hört sich wunderbar stimmig an :-)
Zitieren

Neueste Kommentare

Anmelden