Braucht Freiheit Mut?

Rein theoretisch müsste man diese Frage mit einem Nein beantworten, denn rein theoretisch müssten wir Menschen auf der Erde frei sein. Sind wir aber nicht. Hier vielleicht etwas mehr als anderswo ... aber genau genommen sind wir es nicht. Nicht, weil uns irgendjemand wirklich festhalten würde, sondern weil wir dank vieler einzelner kleiner Umstände und Erfahrungen gelernt haben uns beschränken und einschränken zu lassen. Wir haben gelernt uns einem Wertesystem zu unterwerfen, welches gar kein Interesse daran hat wirkliche Gerechtigkeit zu leben. Statt also in der Theorie zu bleiben und uns etwas vorzumachen, muss man der Realität ins Auge sehen und die Frage mit einem klaren JA beantworten. JA, Freiheit braucht in unserem Dasein Mut.
Ich habe in den letzten Jahren sehr viel über dieses Thema nachgedacht, nicht zuletzt, weil unser Leben so unkonventionell verläuft und dass natürlich nicht immer einfach ist. Freiheit oder wirklich frei zu sein und dem Weg zu folgen, der sich für einen selbst richtig und stimmig anfühlt, fühlt sich einfach gut an. Es macht glücklich. Aber es ist - in unserer Gegenwart und unserem Dasein - mit Hürden verbunden und alles andere als einfach.

Denn die angebliche Freiheit die wir besitzen, ist keine Freiheit. Sie ist keine Freiheit, weil sie uns Maßstäbe setzt und schubladisiert und Dinge von uns verlangt, die gegen die Freiheit des Einzelnen ebenso sprechen, wie gegen seine Eigenverantwortung. Gleichsam gaukelt sie uns vor, selbstbestimmt und frei leben zu können. Sie schreit "Gleichberechtigung" von allen Ecken und Enden, kennt ...

aber keine wirkliche Gerechtigkeit (die da eine wäre, die sich an die Gesetzmäßigkeiten der Natur hält).

Wie können wir meinen frei zu sein, wenn die Beschneidung und Einschränkung des SEINs schon im Babyalter beginnt. Wenn wir meinen es uns als Erwachsener anmaßen zu können über das Kind und seine Bedürfnisse zu entscheiden. Darüber zu entscheiden, was es braucht, was wann gut für es ist und wie es zu sein hat. Die "freie Erziehung" von der immer wieder gerne gesprochen und die so hoch geprießen wird ist ein Widerspruch in sich. Denn entweder ich bin frei ... oder ich werde erzogen. Ich kann weder zur Freiheit erzogen werden, noch kann ich ein Kind frei erziehen.

Selbiges gilt für das Lernen. Ein Kind kann nur dann frei lernen, wenn es wirklich frei entscheiden und wählen und seinen Weg gehen kann. Dabei spielt natürlich die Dynamik der Angst eine ganz wesentliche und große Rolle. Gerade beim freien Lernen drücken viele Erwachsenen ihre Bedenken dahingehend aus, dass das Kind vielleicht irgendetwas nicht lernen könnte. Einmal abgesehen davon, dass man erstens nie alles lernen bzw. können muss (gerade dieses Verschiedensein und Können macht erst die lebendige Vielfalt unseres Miteinanders aus) und man zweitens davon ausgehen kann, dass jeder (!) Mensch immer und überall lernt (sofern er nicht beschränkt und manipuliert wird), darf man sich durchaus die Frage stellen, was so schlimm daran wäre, wenn ein kleiner Mensch zuerst überhaupt kein Interesse an einer Sache hat? 

Ich möchte hier ein konkretes Beispiel anführen: Kind Nr. 1 hat sich noch nie sonderlich für Mathematik interessiert. Ja, so ein bisschen rechnen war schon drinnen ... aber nichts darüber hinaus. Nichts erwähnenswertes und ich habe mich innerlich natürlich immer wieder gefragt, wann und ob sie überhaupt jemals in diesem Bereich so eine Begeisterung entwickeln würde wie Kind Nr. 2 ... Ich bin ehrlich froh, dass ich es geschafft habe hier nicht weiter nachzuhaken oder Angebote zu machen, denn jetzt plötzlich, wo der kleine Bruder so gerne rechnet, macht es auch ihr Spaß zu rechnen ... Gestern vor dem Schlafen gehen haben wir noch zehnstellige Zahlen addiert  ... weißt du wie enorm riesig die Ergebnisse waren? So etwas aus dem Mund von Kind Nr. 1 zu hören, hätte ich vor ein paar Wochen noch nicht gedacht. Und es wäre sicherlich auch nicht so gekommen, wenn ich sie dazu genötigt hätte bei Tisch zu sitzen und Mathematik zu lernen oder ihr gar anzudrohen, dass sie erst dann lesen dürfte, wenn sie gerechnet hat und von mir geprüft wurde.

Die meisten Menschen glauben ja, dass Kinder nichts tun würden, wenn sie den ganzen Tag über die Freiheit hätten zu entscheiden was sie machen. Das Gegenteil ist der Fall. Trotzdem braucht es gerade von uns Erwachsenen als Begleiter der kleinen Menschen den Mut ihnen diese Freiheit zu geben und die Geduld auf gewisse Entwicklungsschritte zu warten. Es braucht aber auch die Bereitschaft, von herkömmlichen Wegen abzuweichen und zu verstehen, dass beispielsweise gerade die uns bekannte Art des Schulischen Lernens beim freien Lernen eigentlich vollkommen fehl am Platz ist.

 

Frei sein braucht also Mut. Mut, Entschlossenheit und die Bereitschaft, die Komfortzone mit all ihrer Bequemlichkeit hinter sich zu lassen und zu sich selbst zu stehen, voller Vertrauen. Bereit dazu auch dann standhaft zu bleiben, wenn die eigene Freiheit eingeschränkt werden soll. Was wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen sollten? Die Würde und Freiheit des Menschen ist unantastbar! Das gilt für die kleinen Menschen ebenso wie die Großen!

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Kommentare   

+1 #2 Mirjam 2016-03-19 18:17
Lini, Du bist toll!!! Du bringst es auf den Punkt, ich stimme Dir aus ganzem Herzen zu und es ist eine Wohltat, das zu lesen, weil es manchmal mühsam ist/wird immer aus dem Rahmen zu fallen und dabei aufzufallen. Es tut so gut zu lesen, dass da noch andere Menschen sind, die genauso ticken! Das gibt Kraft! Danke!
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+1 #1 Gudi 2016-03-18 19:21
Ja jede Veränderung braucht Mut.. viel Mut und keine Angst.
Du hast meinen aller höchsten Respekt.
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