Wie war das noch mal mit den Grenzen?

Kinder brauchen Grenzen! Sagen die einen. Nur ja keine Grenzen! Sagen die anderen.
Und es ist eines dieser Themen, über die gerne, ausgiebig und viel diskutiert wird. Eines dieser Themen, über die Erwachsene gerne und oft in Streit geraten, sich gegenseitig Vorwürfe machen oder als schrecklich, autoritär, antiautoritär, laissez faire oder was auch immer bezeichnen. Diskussionen und Streit, der mehr Verwirrung stiften als gut tut und denen meiner Meinung nach etwas Wesentliches fehlt.
Denn geredet wird viel darüber, über "diese Grenzen", aber ist uns auch wirklich bewusst, was wir damit meinen? Oder reden wir gelegentlich vielleicht doch um den berühmten heißen Brei herum?
Was hat es auf sich, mit diesen Grenzen? Was meinen wir damit eigentlich? Und was wollen wir? Für uns selbst, für unsere Töchter und Söhne?

Mehr als nur ...

... ein Baby ohne Windel. Mehr als nur Konzept und so viel mehr als ERZIEHUNG.

Wieder einmal ist es soweit. Zum ersten Mal hat sich unsere Jüngste heute morgen alleine auf den Topf gesetzt. Ist wieder aufgestanden ... ein Stück weit gegangen, hat sich dann wieder umgedreht, nochmals auf den Topf gesetzt und hinein gemacht. So als hätte sie das immer schon gemacht. So, als ob das gar keine große Sache wäre. Und eigentlich ist es das ja auch nicht. Sondern eine logische Folge des Selbstständig werdens ... oder jetzt noch werden wollens ... Denn "schnell" wird es jetzt dennoch nicht gehen mit dem "selber aufs Töpfchen setzen", es ist ein Anfang. Ein Ausprobieren. Unsere "Abhaltezeit" neigt sich dem Ende zu. Aber das was jetzt kommt ... das DANACH ist so viel größer und weiter.
Wieder einmal dürfen wir diese Eroberung der Selbstständigkeit erleben. Dieses Entdecken des SELBST. Der vielen Möglichkeiten und dieser unendlichen Weiten, die entdeckt werden können. Mit allen damit einhergehenden Höhen und Tiefem. Mit allen Gewitterstürmen und Sonnenzeiten ... Und wieder einmal wird mir deutlich bewusst, dass Windelfrei so viel mehr ist, als ein Baby ohne Windel. Oder ein Konzept. So viel mehr als ERZIEHUNG. Und gleichzeitig nur ein winzig kleiner Teil eines größeren Ganzen.

Haltung
Windelfrei - als Überbegriff für das Eingehen auf das Ausscheidungsbedürfnis des Babys und das dementsprechende Reagieren und Handeln ist Beziehung. Ist wahrnehmen und verstehen, achten und wertschätzen. Ist ...

Wo anfangen?

Das Kind schreit, wütet, tobt, …. Lässt sich weder beruhigen, noch besänftigen - noch zu Kompromissen bewegen. Mama und Papa schwitzen, immer noch um ein sanftes Lächeln bemüht, immer noch um eine ruhige Stimme, obwohl sie innerlich kochen. Obwohl sie am liebsten selbst wüten und toben würden. Obwohl sie sich zerrissen fühlen und verzweifelt. Obwohl sie mit den Nerven am Ende sind. Denn Mama und Papa wollen lieb sein. Und sie sind bemüht alles, aber auch wirklich alles für den kleinen Menschen zu tun. Ihrem liebsten Schatz. Ihr ein und alles. Sie wollen ihn weder enttäuschen, noch verletzen und schon gar nicht wollen sie BÖSE sein. Dem kleinen Menschen soll es gut gehen – verständlicherweise.

Aber irgendwann geraten Mama und Papa genau darüber in Streit. Über dieses „gut gehen“. Weil es nicht so läuft mit dem „alles fürs Kind“. Weil es sich nicht so entwickelt hat, wie sie erwartet haben und weil das Ergebnis eben nicht das immer zufriedenen, fröhliche kleine Wesen ist, von dem sie geträumt haben, sondern in so vielen Momenten ein kleiner Giftzwerg. Ein so häufig wütendes und tobendes, selten zufriedenes kleines Wesen.
Und irgendwann sind Mama und Papa vollkommen entnervt, giften sich gegenseitig an, machen sich Vorwürfe und tun, was der kleine Mensch will …. Damit nur endlich Ruhe ist. Damit nur endlich dieses Geschrei aufhört und der kleine Mensch zufrieden ist. Zumindest für die nächsten fünf Minuten. Bis zum nächsten Reizthema. Bis zum nächsten Ausbruch und zum nächsten Streit. Und bis dahin? Gehen Mama und Papa auf Zehenspitzen, verbiegen sich, machen sich klein und ignorieren ihre eigenen Bedürfnisse um nur ja keinen neuerlichen Wutanfall zu provozieren.


Wo anfangen
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"Nicht zu wild!"

Ich habe kürzlich in meinem Artikel im Pippi-Magazin darüber geschrieben - über dieses "Spiel schön" und unsere Idee davon, wie Spielen zu sein hat. Es ist wie beim Lernen, wo ebenso fixe Vorstellungen darüber kursieren, wie Lernen zu sein hat und was noch Lernen ist und was nicht mehr. Dabei sind Lernen und Spielen und Leben nicht voneinander zu trennen. Sie gehören zusammen. Und sie kennen diese Begrenzung nicht. Diese Idee davon, wie es zu sein hat und was noch okay ist und was schon nicht mehr. Was richtig ... und was falsch ist.

Wie können wir kleinen Menschen hier Vorgaben machen?
Wie können wir von ihnen verlangen, ihre Impulse hier einen Gang runter zu schrauben, ihr Tun im Augenblick des Geschehens zu drosseln, unseren Vorgaben statt ihrem Bauchgefühl zu folgen? Mit welcher Begründung, dürfen sie nicht auch mal wild sein? Miteinander Rangeln? Mit Stecken kämpfen? Den Hang hinunter laufen, vom Baum springen? Laut sein?
Es versteht sich natürlich von selbst, dass die Grenzen anderer gewahrt werden müssen und das im Tun niemand verletzt werden darf und wir das kommunizieren und noch wichtiger vorleben müssen. Aber darüber hinaus?
Steht es uns zu hier Anweisungen zu geben? Die Grenze zu ziehen zwischen passend und unpassend? Einzuschränken und zu kritisieren?

Ihr merkt schon, die Gedanken rund um das Thema lassen mich derzeit nicht los. Nicht zuletzt, weil mir gerade in den letzten Monaten immer ...

Egotrip

Es schreckt mich immer wieder, wie sehr die Idee des bedürfnisorientierten Umgangs, diese wunderbaren Gedanken von William Sears und seiner Frau verwässert und fehlinterpretiert werden. Wenn Eltern das Unverständnis und die Irritation der Umgebung nicht verstehen wollen, weil ihr Sohn oder ihre Tochter auf deren Taschen herumspringt, Kästen anderer durchstöbert, oder andere zwickt, beißt, kratzt, etc. Es schreckt mich, wenn ich die Schilderungen von Eltern mitbekomme, die überzeugt davon sind, dass die Umgebung mit ihrem Kind klarzukommen hätte und das Treiben ihres Kindes halt aushalten müsse. Wenn sie lächelnd dabei zusehen, wie ihre Tochter oder ihr Sohn Grenzen anderer überschreiten und felsenfest davon überzeugt sind, dass es sich hierbei um ein wesentliches Bedüfrfnis ihres Kindes handeln würde und sie dieses Bedürfnis nicht einfach übergehen könnten ...

Von echten und vermeintlichen Bedürfnissen
Gibt es das überhaupt, echte und vermeintliche Bedürfnisse? ...

keinen Millimeter

Unsere Jüngste befindet sich gerade in dieser Phase. Diese Phase, in der ich mich keinen Millimeter von ihr entfernen darf. Sie schon. Sie darf weg von mir, hierhin und dorthin krabbeln, mit dem Papa mit, mit dem Bruder oder der Schwester. Sie darf sich fortbewegen von mir so viel sie will ... aber wehe ich bewege mich. Und sei es nur um meine Hand zu heben oder mich etwas bequemer hin zu setzen. Ihr feines Radarsystem meldet augenblicklich, ihr kleines Gesicht verzieht sich und sie beginnt zu weinen, als ob ich bereits gegangen wäre. Dabei habe ich mich nur bewegt.

Loslösung durch Klammern.

Hört sich im ersten Augenblick paradox an. Ist aber so. Zumindest für die ganz Kleinen.
Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft gehen davon aus, dass kleine Menschen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit nur durch bewusste Trennung, Tränen und Schmerz erfahren würden. Nur dadurch, dass der Erwachsene es bewusst alleine lässt und das "ohne ihn auskommen" lernt. 
Dabei ist jede Intervention, jede Inszenierung und jedes Übungsprogramm, welches dem kleinen Menschen Unabhängigkeit "lehren" soll im Grunde vollkommen überflüssig und richten (genau genommen) mehr Schaden an als sie von Nutzen sind.
Denn die Erfahrung, dass die Mama ...

Vollkommen natürlich

und trotzdem manchmal so komplex.
So schwer zu durchschauen - bei all den Informationen und Meinungen, bei den Glaubenssätzen, die einem gelegentlich nur so um die Ohren fliegen und den mitunter auch halbseidenen Wahrheiten und Weisheiten, die einem kund getan werden.
So viele Informationen, so viel Theorie ... so viel Verunsicherung.
Dabei ist es gar nicht so schwer. Sondern ziemlich natürlich und eigentlich keine große Sache. Und trotzdem. In einer Gesellschaft wo natürlich ganz oft nur mehr ein schönes Wort ist und wir häufig den Bezug zum eigentlich selbstverständlichen und natürlichen verloren haben, tun ein paar Tipps gelegentlich ganz gut. 
Natürliche Säuglingspflege, Windelfrei, Elimination Communication ... das intuitive Eingehen auf die Bedürfnisse - unter anderem eben auch das Ausscheidungsbedürfnis ... wie auch immer man es für sich selbst bezeichnen möchte, es ist weder Konzept, noch verrückte Idee noch alternativer Ökoquatsch oder sonst etwas in der Art und schon gar nicht ist es irgendeine neumodische Erscheinung. Denn das Eingehen auf all die Bedürfnisse eines hilfsbedürftigen (kleinen) Menschen ist Notwendigkeit. Anders würde der kleine Mensch nicht überleben.
Aber statt sich eben in Form des Windelwechselns darum zu kümmern, geben wir den Babys die Möglichkeit über einem Töfpchen, dem Klo, dem Waschbecken oder zum Baum, in die Wiese etc. auszuscheiden. Wir tun im Grunde nichts anders, als wenn wir seinem Bedürfnis nach Nahrung nachkommen, oder es ihm ermöglichen, in den Schlaf zu finden ...
Naja, ganz so ist das nicht oder?
Oh doch, genau so ist es. Mit dem einen, feinen, kleinen ...

Gute Frage

Lass dein Kind selbst entscheiden. Frag es, was es möchte.
Eine schöne Idee, das mit dem (Nach)fragen. Prinzipiell. Eigentlich. Irgendwie halt. Fragen ist doch irgendwie achtsam ... und wertschätzend. Oder etwa nicht?
Wenn ich dich frage was du möchtest, dann beziehe ich dich ein. Dann gebe ich dir Raum. Dann darfst du selbst sagen, was du möchtest oder eben auch nicht möchtest. Dann gebe ich dir doch Raum. Oder?

Ja und nein.
Im ersten Moment natürlich JA. Aber im Umgang mit kleinen Menschen ...

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