geliebt - umsorgt - behütet

Ich gehe davon aus, dass der Großteil der Eltern nur das Beste für ihre Söhne und Töchter will. Und ich gehe davon aus, dass der überwiegende Teil ihrer Handlungen und Aussagen aus Liebe zum Kind und in dem Wunsch alles für es zu tun erfolgt. Aber genau in diesem "ALLES" steckt oft der Stolperstein, der das Miteinander ins Wanken bringt und der dem Spruch "Gut gemeint ist nicht immer gut" rundum gerecht wird.
Denn nicht selten lassen die Botschaften, die hinter all der Hingabe und (leider häufig auch) Aufopferung stecken eines schmerzlich vermissen: das Vertrauen in den kleinen Menschen.
Abgesehen davon ist es wichtig sich einen wesentlichen Aspekt im Miteinandern mit dem kleinen Menschen immer wieder ins Bewusstsein zu holen: Liebe ist unendlich wichtig. Aber gleichzeitig weder das ultimative Heilmittel, noch die Lösung aller Schwierigkeiten. Sprich: Liebe ist leider eben nicht alles. Wir können noch so sehr lieben, wenn wir nicht bereit sind Dynamiken zu erkennen, unsere eigenen Handlungen zu verstehen und wenn nötig dementsprechend zu verändern, landen wir über kurz oder lang in einer Sackgasse bzw. im perfekten Eltern-Kind-Beziehungschaos.

Überbehütet - blockiert
Elternliebe heißt heute ganz oft: aus dem Weg räumen, Entscheidungen abnehmen, eingreifen, vorgreifen und verhindern, in Watte betten, Kanten abrunden und (versuchsweise) Berge versetzen, wo es nur geht. Alles aus Liebe. Um den kleinen Menschen glücklich zu sehen und zufrieden, um seinen Erfolg zu garantieren und um ihn nur ja nicht zu überfordern. Um sich seine Zuneigung und Liebe zu sichern und in dem dringenden Bedürfnis alles richtig zu machen. In dem Bestreben dem kleinen Menschen alles zu geben, in der Fehlinterpretation von DASEIN und BEGLEITEN und in der Idee dem kleinen Menschen damit alles zu geben, was er braucht.
Ein schmaler Grat zwischen Behütung und Überbehütung, zwischen Fürsorge und Einschränkung, zwischen Orientierung bieten und Verhindern ... Ein schmaler Grat zwischen achtsamen Begleiten und Aufopferung. Zwischen Raum gebender und einschränkender Liebe, zwischen Zurückhaltung und sich selbst überlassen.

Aus Liebe zum Kind ...

Windelfreigedanken

Mythen, Märchen und Ideen gibts mittlerweile ganz schön viele über die "Windelfreiheit". Dieses intensive Kommunizieren mit dem Baby über sein Ausscheidungsbedürfnis als Teilaspekt eines bedürfnisorientierten Umgangs wird selten als das dargestellt, was es eigentlich ist. Von Erziehung übers "ANTUN", vom verfrühten Sauberkeitswahn bis hin zur 24h rund um die Uhr Beobachtung ist so gut wie alles vertreten.
Ein Baby übers Töpfchen halten. Eigentlich ganz natürlich ... und logisch. Sollte man meinen. Babys kommen letzten Endes nicht mit Windeln zur Welt und es wäre unlogisch, würden sie - als Traglinge, die in ihrer Bedürfnisbefriedigung von älteren Menschen noch abhängig sind  - nicht die Fähigkeit in sich tragen, ihr Ausscheidungsbedürfnis ebenso wie jedes andere Bedürfnis auch - zeigen zu können. Es wäre unlogisch, würden wir davon ausgehen, dass diese Fähigkeit erst irgendwann viel später einmal kommen würde. Im Zuge verschiedener komplizierter Reifungsprozesse. Was für ein Schwachsinn (diese Idee) - verzeiht die Ausdrucksweise. Aber nach 5 kleinen Menschen, die niemals gewickelt wurden kann ich über derartige Dinge eigentlich nur lachen. Über derartige Ideen. Und ja, das alles hatten wir schon. Oft genug hier im Blog oder in meinen Seminaren, Vorträgen oder Gruppen thematisiert. Oft genug in Gesprächen erläutert und oft genug von Menschen gehört, die eigentlich keine Ahnung haben, aber meinen mitreden und ihre als Weisheiten getarnten Vorurteile kund tun zu können.

Die Erfahrung machts ...
Auch, wenn das einige in der Art und Weise nicht hören wollen: mit der Windelfreiheit verhält es sich wie mit allen anderen Dingen in Bezug auf das Elternsein. In der Theorie kann man viel weitererzählen. Man kann das gesamte Gefüge zerpflücken, ein Konzept daraus machen, irgendwelche Maßstäbe, Richtlinien und Tabellen hinzu fügen und dennoch im Grunde keinen blassen Schimmer davon haben, was es wirklich bedeutet. Aus dem ...

Sackgasse

Geliebt, umsorgt, behütet ... ÜBERBEHÜTET. Einerseits. ALLEINE GELASSEN. Andererseits.
Denn obwohl viele kleine Menschen permanent von mindestens einem Erwachsenen umschwirrt werden, der meint ihnen alles zeigen, sie vor allem bewahren und behüten zu müssen und der das Nestchen immer optimal an die (gelegentlich schon sekundären) Bedürfnisse anpasst, werden sie oftmals - wenn vielleicht auch nicht physisch, aber zumindest emotional - sich selbst überlassen und somit alleine gelassen. Alleine mit ihrem dringenden, essentiellen Bedürfnis nach Orientierung und Bindung.
Denn statt als Erwachsener, als erfahrener, größerer Mensch für den kleinen, heranwachsenden Menschen greifbar zu sein, anstatt ein Fels in der Brandung, ein Zufluchtsort und Quelle von Liebe und Geborgenheit für den kleinen Menschen zu sein, ohne dabei die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu missachten oder nicht mehr authentisch zu sein, sehen viele Erwachsene mittlerweile das Heil und Glück des Elternseins in der vollkommenen Hingabe dem kleinen Menschen gegenüber. Wobei hier Hingabe gleichzusetzen wäre mit Aufgabe des eigenen Seins und Zurückweisung von Verantwortung.

Begleiten, trösten, hegen, zuhören, dasein, lieben, umarmen, beschützen, abwarten und leiten ...

LEITEN? Ja, auch leiten. Leiten ist ein wichtiger und wesentlicher Aspekt im Begleiten des kleinen Menschen. Nicht verleiten oder forcieren, nicht abweisen oder beherrschen ... nein leiten. LEITEN wie der Wolf, der sein Rudel anführt. LEITEN, wie die alte, erfahrene Elefantenkuh, die ruhig und gelassen weiß, was zu tun ist und dennoch genügend Zurückhaltung besitztum den Jungen die eigenen Erfahrungen zuzugestehen.
Vergleicht man das heranwachsen kleiner Menschen mit einer Wanderung im Berg, so ist der kleine Mensch der noch unerfahrene Anfänger, der zuerst einmal Erfahrungen sammeln muss und der bei diesen ersten Erkundungen einfach einen größeren, erfahrenen Menschen um sich braucht, an dem er sich gegebenenfalls festhalten, hauptsächlich aber orientieren kann. Heranwachsen braucht ...

Bindung

Bindung ist eines der Themen, die in der Auseinandersetzung mit dem Elternsein und der Beziehung zwischen großen und kleinen Menschen leider allzu oft vernachlässigt wird. Beachtung findet sie leider ganz oft nur in den Augenblicken kurz nach der Geburt eines kleinen Menschen (manchmal leider nicht einmal da, weil manchmal berechtigt, häufig aber auch unberechtigt anscheinend die Zeit für den ersten intensiven Haut- Augenkontakt fehlt). BONDING ist ein Begriff, der sich nicht mehr aus dem Elternwerden wegdenken lässt und dennoch viel zu wenig Beachtung findet.
Denn mit den wenigen Augenblicken nach der Geburt ist es nicht getan. Einmal kurz "binden" reicht nicht aus, um die kleinen wie auch großen Menschen durch all die Jahre zu tragen.
Bindung muss immer wieder erneuert, gestärkt und beachtet werden. In ihrer beinahe schon essentiellen Notwendigkeit für eine intakte, starke Eltern-Kind-Beziehung. Sie ist das wichtige, tragende Element in der Beziehung.

großes Ganzes
Für das Verstehen von Beziehungsdynamiken braucht es den Blick auf das Ganze. Es braucht unser Verstehen, dass alles zusammenhängt und alles mit der Bindung ihren Anfang nimmt. Ohne intakter, aufrechter Bindung zwischen großen und kleinen Menschen wird sich das gesamte Zusammensein schwierig gestalten.
Bindung wird gerne nur in Bezug auf den kleinen Menschen gesehen. Und das eine intensive Bindung an einen großen Menschen für sein emotionales Gleichgewicht, sein Lernen und Entdecken wichtig ist, soll keineswegs in Frage gestellt werden. ABER: Was wir gerne übersehen ...

Entfaltung

Vor ein paar Tagen wurde ich wieder einmal überrascht. Von unserer Dreijährigen. Plötzlich steht sie neben mir. Mit ein paar Buchstaben eines Leselernspieles in der Hand. Ein Spiel, das wir vor vielen Jahren einmal geschenkt bekommen haben und das seinen Zweck meiner Meinung nach nicht wirklich erfüllt. Weswegen es auch den Jüngsten zum Ein- und Ausräumen, Spielen und Sortieren zur Verfügung steht. Die Dreijährige streckt mir das "R" entgegen und sagt: "Das ist der Anfang von meinem Namen". Dann legt sie "S" und "I" dazu und meint, dass auch die dazu gehören und ich ihr zeigen soll, wie sie den Namen ganz schreiben kann. Eine halbe Stunde später hat sie viermal ihren Namen mit den Buchstaben gelegt und ihn fünf mal geschrieben. Fürs Erste scheint ihr das zu reichen. Mit den Worten "ich kann meinen Namen schreiben" wendet sie sich wieder anderen Dingen zu.
Wann ist das denn passiert?
Im ersten Moment war ich wirklich überrascht und habe sie fasziniert und erstaunt dabei beobachtet wie sie - in gar nicht unleserlichen Krakeln sondern eigentlich recht leserlichen Buchstaben ihren Namen geschrieben hat. Mit nicht wenig Stolz und voller Konzentration. Ich kann mich nicht erinnern ihr jemals -beim Schreiben ihres Namens- die einzelnen Buchstaben erläutert zu haben. Dafür gab es von ihrer Seite einfach noch kein Interesse. Ganz im Gegensatz zu jetzt.
Plötzlich ist da nicht nur das Erkennen von Buchstaben und ihrer Kombination zu einem Namen/Wort, sondern auch der Wunsch diese Schreiben und Verstehen zu können. Seit diesem Tag erkennt sie immer öfter Buchstaben - vor allem jene, die in ihrem Namen vorkommen. Und immer wieder können wir sie dabei beobachten, wie sie mit dem Schreiben experimentiert.

Lernprozesse sind ..

"Konfliktbewältigungs-Strategie"

statt KONFLIKTVERMEIDUNGS-STRATEGIE
"Liebevoll sein wollen" bzw. "ruhig und gelassen bleiben" - das ist das mehr als verständliche Bestreben vieler Eltern. Leider führt es aber auch dazu, dass viele Eltern sich davor scheuen, einen Konflikt überhaupt zuzulassen. Statt die eigenen Grenzen oder jene des familiären Miteinanders zu wahren, geben sie lieber nach, verbiegen sich und versuchen das liebe Kleine so zu betten, dass es nur ja keinen Wutanfall bekommt oder traurig wird, selbst dann, wenn sie sich dabei unwohl fühlen.
Hinzu kommt häufig die liebe kleine Hilfslüge, die nicht nur die Wahrheit verschleiert, sondern auch die eigenen Gefühle. Gerechtfertigt wird sie damit - wobei natürlich niemand von Lüge sprechen würde - dass sie den (vermeintlichen) Frieden wahrt. Übersehen wird, dass sie dem kleinen Menschen nicht nur etwas vorgaukelt, sondern im Endeffekt auch dazu führen wird, dass der immer größer werdenden kleine Mensch irgendwann dahinter kommt. Hinter die Lüge und das Versteckspiel. Und dahinter, dass das mit den Bedürfnissen und Gefühlen doch nicht so zu sein scheint, wie man ihm immer erzählt hat.
Denn ist es nicht das eigentliche Bestreben der Eltern - denen ein achtsamer, bedürfnisorientierter, liebevoller Umgang mit dem kleinen Menschen wichtig ist - dass ihr Sohn oder ihre Tochter in dem Wissen aufwächst, dass all seine/ihre Bedürfnisse in Ordnung sind und sein dürfen?
Wie aber passt genau dieses Bestreben damit zusammen, dass die eigenen Bedürfnisse und Gefühle so oft versteckt und unterdrückt werden?
Wie passt dieses Bestreben und gleichzeitige Verstecken damit zusammen, dass Eltern Hauptvorbild für den kleinen Menschen sind und davon ausgehen dürfen, dass diese sie nachahmt und immitiert?
Und nicht zuletzt die Frage, wie passt all das mit dem Verhalten der Eltern zusammen, die eine gänzlich andere Vorgehensweise zeigen?

Liebevoll heißt nicht immer lieb sein zu müssen ...

Leistungsorientierung

Lob, Belohnung, Beurteilung ... auch so etwas, was nicht - oder von kaum jemandem - in Frage gestellt wird. Warum auch? Ist es doch üblich selbst schon die Kleinsten für was auch immer mit Lob zu überschütten, so lächerlich oder unpassend das auch sein mag. Lob und Belohnung - angeblich so dringend nötig um gewünschtes Verhalten zu forcieren und unerwünschtes Verhalten gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber auch - vor allem später dann - um die Leistung zu steigern und Ansporn für noch mehr Bemühen zu geben.
Das diese Rechnung nicht aufgeht, sollte eigentlich allen klar sein. Denn Lob und Belohnung in der Erziehung führen keineswegs dazu, dass kleine Menschen nichts mehr ausprobieren oder aufhören damit durch ihr auffallendes Verhalten Unstimmigkeiten zum Ausdruck zu bringen oder auf sich aufmerksam zu machen. Und Lob und Belohnung (Noten) - grob zusammengefasst als BEURTEILUNGEN - in der Belehrung/im Unterricht führen auch nicht dazu, dass es ausschließlich gute und voll Freude lernende wie auch motivierte Schüler mit Notendurchschnitt 1.0 gibt. Ganz im Gegenteil. Wie sehr das vorherrschende Beurteilungssystem heranwachsende Menschen unter Druck setzen und ihnen den letzten Funken Freude am Lernen rauben kann, lässt sich immer wieder beobachten.
Und nicht zuletzt sollten wir (als Gesellschaft) schön langsam erkennen, dass Lob und Belohnung spricht Beurteilungen weder ein Ausdruck von Wertschätzung sind, noch das Selbstwertgefühl des Beurteilten stärken. Ganz zu schweigen davon, dass sie nie - aber auch wirklich nie - neutral sein können.

Ich habe diesem Thema einen ganzen Abschnitt in meinem Buch über das freie Lernen (Gehts auch ohne Schule) gewidmet und bespreche es immer wieder in meinen Vorträgen, Seminaren und Gruppen mit den Eltern und dennoch komme ich nicht umhin es hier wieder zu thematisieren. Nicht zuletzt, weil gerade jetzt, zum Schuljahresende die "lieben" Noten, ebenso wie die Beurteilungen in aller Munde sind. Aber auch, weil Eltern immer wieder meinen, nur durch Lob und Belohnung an jenen Punkt im Sein mit dem kleinen Menschen zu gelangen, wo er das macht, was sie von ihm wünschen oder erwarten .... 

Gut gemeint?
Mag schon sein, dass Lob und Belohnung in erster Linie gut gemeint sind. Und es mag ...

Freilernerstudio vom Sommertreffen Süd

Zum Nachhören - das FREILERNER STUDIO live vom Freilernersommertreffen Süd in Leibnitz

 

Und für alle, die jetzt - nach dem Anhören der Sendung - Lust auf mehr (mehr Treffen, mehr Familienzeit, mehr Miteinander ... ) bekommen haben, die lade ich recht herzlich zum Freilerner Sommertreffen NORD ein, welches dieses Jahr ganz im Zeichen der Familie, der Eltern-Kind-Bindung und dem freien, selbstbestimmten Lernen von Klein und Groß steht ...

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